RODRIGO FRANZAO (Brasilien)

"MASS COMSUPTION"
Stoff, Polyvinylacetat und Holz
48 X 33cm

Das Farbenfrohe, das Farbgewaltige ist das augenfälligste Merkmal, das dem Betrachter bei den Werken des Brasilianers Rodrigo Franzão begegnet. Dies gilt insbesondere für die Objekte, in denen er unterschiedliche Materialien, vornehmlich Textilien, aber auch gefundene, metallene Objekte miteinander kombiniert. Franzão verwebt Streifen unterschiedlicher Stoffe in kräftigen Farben zu rhythmischen Kompositionen, die sich durch das Zusammenspiel mit den Gegenständen aus Metall zwischen einer scheinbaren Sperrigkeit und einer außerordentlichen Dynamik bewegen. Die Kombination der Farben, die oft ausgewogen ist, sich jedoch nicht selten auch an der Grenze der Harmonie bewegt, zeugt von der Bereitschaft Franzãos, Grenzen auszuloten und notfalls zu überschreiten.

Für seine Arbeiten verwendet der Künstler in erster Linie Textilien, unterschiedliche Stoffe, aber auch Nähnadeln, Kupferdraht und Papier, mitunter arbeitet er auch mit Öl- und Acrylfarben. Sein Fokus auf alltägliche, vorzugsweise industriell gefertigte Materialien unterstreicht seine Vorliebe für eben jene Materialien, die den Menschen umgeben, ob er sie nun auf der Haut trägt oder im Alltag benutzt, direkt oder indirekt, bewusst oder unbewusst.

Auf die Frage, warum er insbesondere Material verwendet, das ihn gemeinhin der Textilkunst zuordnet, verweist Franzão auf biographische Erfahrungen: dass ihm durch seine Mutter, die als Näherin arbeitet, die Stoffe, die Werkzeuge, ja auch der Klang aus ihrer Werkstatt, bereits aus seiner Kindheit erinnerlich sind. Ähnliche Eindrücke beziehen sich auf seinen Vater, der in der Metallurgie tätig war. Hieraus schöpft er seine Leidenschaft und seine Inspiration.

Wesentlich sind für Franzão jedoch auch seine Forschungen, kunstwissenschaftliche Forschungen sowie Farb- und Materialforschungen. Die Verknüpfung unterschiedlicher Textilmaterialien erlaubt ihm unzählige künstlerische Möglichkeiten, und die Wahl sowohl des Materials als auch des Mediums stehen in Abhängigkeit zum Sujet. So soll, sagt der

Künstler, „das Material mit dem Sujet in einen Dialog treten“.

Neben seinen künstlerischen Forschungen, die Teil seines Arbeitsprozesses sind, ist auch sein beruflicher Weg, der ihn zur bildenden Kunst führte, bemerkenswert. Rodrigo Franzão hat bereits Kunst in seine Arbeit integriert, als er mehrere Jahre als Portugiesischlehrer tätig war. In der Folge studierte er unter anderem Architektur, Psychopädagogik und Kunsttherapie, gegenwärtig widmet er sich dem Studium der Kunstgeschichte und Ästhetik.

Was ihn also auf wissenschaftlicher Ebene interessiert, die Kunst in ihrem historischen, sozialen und ästhetischen Kontext, erweitert er im Konzept seiner künstlerischen Recherchen, der Farb- und Materialrecherchen, aber auch einer breit gefächerten philosophischen Betrachtung des Menschen und seiner Rolle in der Gesellschaft.

In seinem Werkkomplex Subtração Involuntária, den Franzão im wesentlichen in den Jahren 2014 bis 2015 geschaffen hat, finden sich Arbeiten, die sich als Tafelbilder (Öl oder Acryl) mit Applikationen (Nähnadeln, Kupferdraht) kategorisieren ließen. Hier begegnen dem Betrachter jedoch auch Werke, die so weit in den Raum hineinragen, dass sie die Ebene des Tafelbildes verlassen: Objekte aus ineinander verwebten, farbigen Stoffbahnen und Drähte aus Kupfer, die aus dieser Fläche herausragen und sie gleichsam extensiv und vergleichsweise ungeordnet verlassen. Gerade die Objekte, in denen er Textilien mit Kupferdrähten kombiniert, erinnern hinsichtlich ihrer Leichtigkeit sehr an die Werke von Eva Hesse. Doch auch andere Einflüsse der geometrischen Abstraktion und des Konstruktivismus sind deutlich.

Diese Objekte werden oft mit gewissem Abstand von der Ausstellungswand installiert, so dass sie als autonome Objekte, mitunter auch frei hängend, den Dialog mit dem Betrachter suchen. Es geht ihm, sagt Franzão, bei dieser Werkreihe um das Individuum, um das, „was sein Leben als sichtbares, aktives Mitglied der Gesellschaft“ ausmacht, um seine „Rolle als Konsument und darum, wie er durch diese Rolle sein wahres Wesen verbirgt“. Dieser Zusammenhang wird bei Betrachtung dieser bei aller Dynamik manchmal unzugänglich wirkender Werke nicht unbedingt sofort deutlich; gerade durch den hohen Abstraktionsgrad

dieser Arbeiten bleiben solche Überlegungen dem Betrachter auf den ersten Blick verschlossen.

Naturgemäß fällt der inhaltliche Zugang zu den Werken leichter, wenn figurative Elemente mit ins Spiel kommen. In seiner Werkreihe Katharsis, an der Rodrigo Franzão seit vergangenem Jahr arbeitet, stellt der Künstler in seinen Wandobjekten Formen dar, die vertraut sind: es sind menschliche Organe, Magen und Darm, Nieren und Blase, Lungenflügel. Die Formen sind einfach gehalten, wie sie auf Röntgenbildern oder, modellhaft, in der medizinischen und biologischen Literatur zu finden sind. Sie heben sich durch eine rote Farbgebung vom abstrakt-vielfarbigen Hintergrund ab und sind durchwirkt von aufgebrachten Kupferdrähten und Nadeln. Franzãos Inspiration ist ganz offensichtlich auch hier der Mensch, der menschliche Körper und seine biologischen Strukturen.

Diesem Strukturmodell stellt der Künstler ein Betrachtungsmodell gegenüber: Indem der die ästhetischen Aspekte der Farbkomposition dem Aspekt des biologischen Zustandes gegen- überstellt, lässt er den Betrachter weniger auf eine allgemeine als vielmehr auf die eigene, individuelle Realität treffen. Das Material, das sich in diesen Formen bewegt und eben nicht

Nahrung, Flüssigkeit und Atemluft ist, sondern gefundene Metallgegenstände, führt diese Arbeiten wieder zurück auf jene abstrakte Ebene, die Franzão bereits bei Subtração Invo- luntária beschritten hatte. Insofern offenbart Franzão, rückwirkend und wechselseitig, den Dialog zwischen Konsum und seinen Auswirkungen einerseits und dem Menschen in der Gesellschaft andererseits.

Dass Franzão es nicht bei einer bloßen Darstellung seiner Ideen hinsichtlich Mensch und Gesellschaft im Sinne einer reinen Projektion belassen will, zeigt sich in Franzãos partizipatorischen Ansatz, der nach seinen eigenen Angaben in seiner zukünftigen Arbeit zunehmend an Bedeutung gewinnen soll. Schon jetzt sollte der Betrachter, so wünscht es sich Franzão, „vor seine Werke treten und ein Teil davon werden“, er sollte durch die Betrachtung „einen Effekt hervorrufen, der ihm im Gedächtnis bleibt“. Seine jüngsten Gemälde, Malereien geometrischer Formen in kontrastreiche schmale Streifen gegliedert, bewirken durch die

Bewegung der Augen des Betrachters visuelle Effekte, die diesem Ansatz folgen. So ist es in der Fortführung nur konsequent, wenn Franzão für die Zukunft Installationen unter Einbeziehung von Licht plant, „die durch den Betrachter manipuliert werden können“. Es ist in dem Werk von Rodrigo Franzão also wesentlich, dass sich das Material mit dem Sujet im Dialog befindet, darüber hinaus soll jedoch das Werk auch in einen aktiven, wechselseitigen Dialog mit dem Betrachter treten.


LEBENSLAUF
 

1982 geboren in São Paulo, Brasilien

 

2002-04 UNIMARCO, São Paulo, Brasilien:

Studium der Sprach- und Literaturwissenschaft

 

2008-09 FPA, São Paulo, Brasilien:

Spezialisierung: Psychopädagogik und Kunsttherapie

 

2010-11 FPA, São Paulo, Brasilien:

Spezialisierung: Kommunikation und Kunstpädagogik

 

2013-15 CEULAR, Brasilia:

Studium der Kunst

 

Einzelausstellungen

 

2016 Plano e Abstrações, Galeria Antônio Lino, Lissabon, Portugal

 

2015 katharsis, National Arts Club, New York City, USA

 

Subtração Involuntária, Museu Superior Tribunal de Justiça, Brasília

 

Tecendo Formas, Anexxo Galeria, Abadiânia, Brasilien

 

2014 Subtração Involuntária, Anexxo Galeria, Abadiânia, Brasilien

 

Gruppenausstellungen

 

2015/16 Between The Lines: Exploring Drawings, National Arts Club, New York City, USA

 

 

2015 Fibremen 5. The International Biennial on Textile Art, Scythia, Kherson, Ukraine